Ich muss gestehen, dass ich den Fall Stuttgart 21 eher beiläufig mitverfolge. Dabei ist das ganze ein interessantes und äußerst komplexes Thema. Wahrscheinlich ist es sogar viel zu komplex, als dass es ohne intensive Recherche verstanden werden könnte. Oberflächlich betrachtet sieht man erst mal nur zwei Fronten. Die Landesregierung und die Deutsche Bahn AG, welche den bestehenden Bahnhof im Projekt Stuttgart 21 zu einem modernen, unterirdischen, Bahnhof umbauen möchten auf einer Seite. Auf der anderen Seite die Bevölkerung Stuttgarts, welche dies verhindern möchten zuzüglich Sympathisanten und wohl auch einiger “Berufsdemonstranten”. Dazwischen wurde die Polizei gestellt, um diese beiden Fronten voneinander zu trennen, wobei sich die Front der Baubeführworter durch die anwesenden Bauarbeiter zeigt.
Das ganze hat seinen Beginn vor ca. 16 Jahren genommen, als die ersten Planungen richtig konkret geworden sind und der Bau für ca. 4 Milliarden DM genehmigt worden ist. Wie es scheint, wurde aber im Laufe der Zeit immer mehr genehmigt und zusammen mit der Inflation betragen die Baukosten geschätzte 10 Milliarden Euro.
Aber anstatt hier nun auf die Details dieses Projektes einzugehen, möchte ich auf einen anderen Teil eingehen. Mir geht es um die plötzliche Mobilisierung von tausenden von Menschen. Etwas, dass ich in Deutschland für kaum möglich gehalten habe. Jedenfalls nicht so viele aus dem gleichen Raum. Für gewöhnlich kamen zu größeren Demos die Menschen aus ganz Deutschland zusammen an einen Ort, wie zur FSA in Berlin.
Die Frage, welche sich als erstes stellt ist, wieso erst jetzt? Wieso kam diese Mobilisierung erst jetzt zustande und nicht schon während der letzten 16 Jahre. In der vergangenen Zeit wäre noch einiges zu stoppen gewesen. Nun lässt es sich nicht mehr wirklich stoppen. Die Antwort ist ganz klar. Erst jetzt sehen die Menschen, was Stuttgart 21 bedeutet. Sie können das auf Papier geschriebene mit eigenen Augen sehen. Dies hat damit eine Bewegung gestartet, welche eine Eigendynamik erhalten hat. Immer mehr Menschen haben gesehen, dass Demonstrieren nichts schlechtes ist und haben sich demnach dazugestellt. Sie haben gemerkt, dass man vom Nachbarn nicht blöd angeschaut wird, wenn man zu einer Demo geht. Damit haben sich aber zwei unverrückbare Fronten gebildet. Zum einen die Befürworter und Planer von Stuttgart 21, welche Befürchten ihr Gesicht zu verlieren, wenn das Prestigeprojekt scheitert, zum anderen die Gegner, bei denen sich scheinbar das dagegen sein eingenistet hat und die dadurch wohl mittlerweile einfach aus Prinzip dagegen sein dürften.
Nun wird sogar versucht die Landesregierung vorzeitig zu Fall zu bringen um Neuwahlen zu ermöglichen. Doch in der Zeit wird der Bau immer weiter voranschreiten und was soll eine neue Landesregierung machen? Den Bau stoppen? Damit dürften hohe Kosten anfallen, da geschlossene Verträge nicht erfüllt werden können. Sollen sie den Bau weiterlaufen lassen? Damit würde die Bevölkerung den Glauben an die Politiker verlieren, doch vielleicht wacht die Bevölkerung dann auch endlich auf und sieht wie die Parteien sind. Es sind Fähnchen im Wind die von Wahl zu Wahl hin und her wehen. Nun sind die Grünen und die Linke ja wieder richtig im Aufwind und auch die SPD scheint zu gewinnen. Es sind ja auch Gegner von S21. Aber sind wir doch ehrlich, irgendwie ist immer die Opposition bürgernah und will die Interessen der Bürger besser befriedigen, bis diese in der Regierung ist. Dann ist am Ende alles wieder beim Gleichen.
Wenn das Wahlvolk dies endlich erkennt und die Dynamik von Stuttgart 21 nicht verebbt ist, könnte es endlich zu einer großen Demonstration kommen, einem Generalstreik, einer Revolte. Dann erst wird sich in Deutschland etwas tun. Wenn Tag für Tag Millionen von Menschen vor Rathäusern, Landtagen und dem Bundestag stehen und Demonstrieren werden die Politiker erkennen, dass sich die Bevölkerung nicht mehr herumschubsen lässt. Dann werden sie erkennen müssen, dass Politik wieder für das Volk und nicht für die Industrie gemacht werden muss.
Leider dürfte dies alles aber an einem scheitern. Gesetze sind wie die Planungen zu Stuttgart 21. Zumeist stehen sie nur auf Papier und man sieht nicht wirklich die daraus resultierenden Konsequenzen. Eine Steuererhöhung führt nicht zum Abriss eines Gebäudes und damit werden die Deutschen in ihren Sesseln verharren und jammern, anstatt auf die Straße zu gehen. Im Moment wünsche ich mir wirklich, dass die Regierung eine Steuererhöhung verkünden würde. Mit der Energie, welche im Moment in den Menschen steckt, könnte es tatsächlich zu einem richtigen Aufwachen kommen. Doch leider sind die Politiker nicht so blöd.